Blog-Archive

Rezension zu: Enterprise 2.0 (Eberspächer et al.)

Bevor ich begann, das im Folgenden rezensierte Buch zu lesen, habe ich mich auf die Suche gemacht, was zu „Enterprise 2.0 – Unternehmen zwischen Hierarchie und Selbstorganisation“ von Jörg Eberspächer und Stefan Holtel als Herausgeber denn schon so im Netz steht und diskutiert wird. Mit eher mageren Ergebnissen: die school for communication and management stellte das Buch im Newsletter „IK im Fokus“ 3-2010 (PDF, 6,5 MB) in knappen 120 Wörtern Buch vor. (Um weitere Quellen als Kommentar zu diesem Beitrag bin ich deshalb dankbar.)

Dies erstaunt mich ein wenig, da Firmenvertreter von vielen namhaften Organisationen mit Beiträgen an diesem Tagungsband mitwirkten, u. A.:

  • Verbände, Institute und wissenschaftliche Einrichtungen: IG Metall, Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Ludwigs-Maximilians-Universität München
  • Telekommunikation: Vodafone
  • Informationstechnologie: IBM, Microsoft, Siemens, Alcatel-Lucent, SYNAXON, Generali Informatik Services

Die Vorträge, die den Beiträgen zugrunde liegen, wurden auf der am 21. Oktober 2009 in München abgehaltenen Fachkonferenz des MÜNCHNER KREISES gehalten. Der MÜNCHNER KREIS ist laut eigener Beschreibung eine „gemeinnützige, übernationale Vereinigung an der Nahtstelle von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien“ zur aktiven Mitgestaltung der Wissens- und Informationsgesellschaft.

Inhalt

Die Beiträge sollen sich laut Untertitel in der Gesamtschau mit der Thematik „Unternehmen zwischen Hierarchie und Selbstorganisation“ beschäftigen. Aber auch der technische Aspekt (soll heißen: der Einsatz von Web 2.0 im Unternehmen) spielt eine große Rolle, wodurch die im Untertitel deklarierte Intention des Buches etwas in den Hintergrund gerät.

Ein allgemeines Urteil zum vorliegenden Sammelband fällt mir schwer, da weder ein bestimmter Fokus im breiten Spektrum des Themas Enterprise 2.0 (kurz: E2.0) gemacht wurde, noch die Beiträge thematisch aufeinander Bezug nehmen. Vielmehr handelt es sich um ein facettenreiches Repertoire an voneinander unabhängigen Beiträgen zum Thema E2.0 verschiedenster Art (Redeskript, mit Folien unterstützte Präsentation – mal stehen im Gedruckten mehr die Abbildungen, mal der Text im Vordergrund, Podiumsdiskussion). Daher habe ich folgt die 14 Beiträge einzeln betrachtet kurz kommentiert:

Schöne neue Arbeitswelt 2.0? IG Metall … dient als äußerst interessantes einleitendes Vorwort und schildert die Änderungen in Kommunikation, Arbeitsform, Führungsmentalität und Geschäftsgebaren am Umbruch von Industrie- zu Wissensgesellschaft und aufgrund der dabei zugrunde liegenden IuK-Technik.
… befasst sich dann mit den Fehlern der Gewerkschaften, die dazu führten, dass sie den Sprung aus der Industrieära zu „Gewerkschaften 2.0“ nicht schafften.
Der Enterprise 2.0-Readiness Check, ein Konferenz-Hashtag und „Von Worten zu Wolken“ Vodafone Group R&D, doubleYUU, Microsoft Deutschland … erläutert kurz den Rahmen, in dem die nun folgenden Beiträge entstanden sind.
Enterprise 2.0: How Business is transforming in the 21st Century Hinchcliff Consulting (USA) … erklärt als Vortragsmitschrift (?) und basierend auf Präsentationsfolien mehrere Phänomene und Theorien des „social business“. Der englische Text hätte revidiert werden können, vor allem Syntaxfehler stören sehr beim Lesen.
Was macht uns zu Digital Natives? Alcatel-Lucent Deutschland … gibt eine kurze aber prägnante Begriffsdefinition des „Digital Native“.
Enterprise 2.0: Das Wissen der Mitarbeiter mobilisieren – Wissensmanagement als Vernetzungs- und Kommunikationaufgabe Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation … beschreibt in einem sachlichen und gut strukturierten Beitrag die zu beobachtende Entwicklung, dass und wie sich Wissensarbeiter immer mehr miteinander vernetzen (Wissensmanagement 2.0)
Podiumsinterview: Wie unterscheiden sich Digitale Eingeborene von Digitalen Immigranten? Vodafone Group R&D, Generli Deutschland Informatik Services … werden jeweils ein „Digital Immigrant“ und ein „Digital Native“ in einer Podiumsdiskussion zu ihren Arbeitseinstellungen und -weisen interviewt, was die Unterschiede aber auch überraschende Gemeinsamkeiten deutlich macht.
Enterprise 2.0 – Chance oder Risiko? Warum Enterprise 2.0 gerade für KMU eine strategische Chance ist Institut für sozialwissenschaftliche Forschung … erklärt sich in einer Fallstudie über ein mittelständisches Unternehmen zu dem Statement: „Ein Enterprise 2.0 braucht WORC als IT-Strategie“ (WORC: Web 2.0, Open-Source, Rich Internet Applications, Cloud Computing).
Enterprise 2.0 und Recht – Risiken vermeiden und Chancen nutzen Rechtsanwaltskanzlei Diem & Partner  … beschäftigt sich mit den wichtigsten rechtlichen Aspekten, die bei der Benutzung von Web 2.0 Technologien im Unternehmen zu berücksichtigen sind sowie den Vorkehrungen, die getroffen werden können, um evtl. Einwänden die Luft aus den Segeln zu nehmen.
Selbstorganisation oder Anarchie? Erfahrungen zu Enterprise 2.0 IBM Software Group … nennt die Unternehmenskulturellen Rahmenbedingungen für ein E2.0 und führt anhand von Beispielen (IBM Social Computing Guidelines, Jams, Tagging, …) auf, warum IBM ein solches ist.
Die gläserne Firma: Offenes Wiki und die Folgen Synaxon … berichtet von der Begeisterung des Vorstandsvorsitzenden über Wikipedia sowie über die gesetzten Regeln und daraus resultierenden positiven Erfahrungen mit einem Firmenwiki.
Mitarbeiterblogs als Baustein eines zeitgemäßen Wissensmanagement Siemens … stellt – mit erklärungsbedürftigen Abbildungen, die mit dem Text kaum in Beziehung stehen – als Nutzen von Mitarbeiterblogs die Wissensvernetzung heraus. Ansonsten bleibt es unklar, was der Autor dem Leser mitteilen möchte.
Der Text hätte dem Verständnis zuliebe revidiert werden können.
Twitter als Werkzeug in der Unternehmenskommunikation Vodafone Deutschland … nennt das Kommunikationsziel Vodafones sowie die Strategien, dieses zu erreichen und schildert die Umsetzung einer dazu definierten Maßnahme: der Twitteraccount.
Kommunikation und Leadership: Erfolgserporbte Einführungsszenarien für Enterprise 2.0 doubleYUU … zählt sechs sehr einleuchtende Management-Prinzipien für ein E2.0 auf und führt diese aus. Anschließend folgt der Aufruf zur Wissensvernetzung ohne bestehende Hierarchien abzuschaffen. Dieser Beitrag erfüllt somit für seinen Teil das Versprechen des Buchuntertitels. Abgerundet wird er mit der Schilderung, wie das Change Management bei der Entwicklung zum E2.0 von statten gehen kann.
Podiumsdiskussion: Unternehmen zwischen Hierarchie und Selbstorganisation. Was fördert und was fordert die Kultur des Enterprise 2.0? Ludwigs-Maximilians-Universität, doubleYUU, IBM Research & Development, IG Metall, Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Synaxon .. führt mit einem Kurzvortrag des Verfassers des ersten Beitrags in die folgende Diskussion ein. Anschließend folgt eine kontroverse Diskussion zu zwei Fragen: wie kann die Motivation der Mitarbeiter wieder angefacht werden; wie kann ein Kulturwandel zu E2.0 stattfinden. Anschließend werden teilweise vertiefende Fragen aus dem Publikum zum eben Besprochenen und zu vorhergehenden Beiträgen beantwortet.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich in diesem Buch einige zentrale Aufsätze zur Managementkultur in einem E2.0 finden, dagegen aber auch andere weniger „wertvolle“ Artikel. Die meisten Artikel sind oberflächlich gehalten, was wohl dem Facettenreichtum geschuldet ist.

Im gesamten Buch findet sich immer wieder wie ein roter Faden der Vergleich zwischen den (symbolischen) Antipoden Frederick Taylor (steht für die patriarchalischen Hierarchien des Industriezeitalters) und Peter Drucker (steht für Wissensarbeit und Adhocratie). Allerdings springt man im Verlauf des Sammelbandes stets zwischen verschiedenen Themengebieten (Wissensarbeit, Unternehmenskultur im Wandel, Digital Natives, Social Media Tools) hin und her. Ein wenig mehr Struktur bezüglich des thematischen Aufbaus hätte man (zu diesem Buchpreis) schon erwarten können.

Als inhaltliches Fazit möchte ich hier eine Aussage von Ulrich Klotz, IG Metall, zitieren:

Das große Dilemma ist, dass zwar die Mehrzahl der Menschen in den hoch entwickelten Ländern inzwischen Wissensarbeiter sind, diese aber noch immer in Strukturen arbeiten, die durch Taylors Konzepte geprägt sind.

Format

Den Herausgebern war es offensichtlich sehr wichtig, dem ursprünglichen Veranstaltungsformat treu zu bleiben. Aus diesem Grund wurden redaktionelle Tätigkeiten wohl auch vernachlässigt. Dabei hätte aber berücksichtigt werden müssen, dass das gesprochene Wort immer anderen Regeln folgt als dem geschriebenen. Somit – da das Gesprochene wohl 1:1 in das Gedruckte übernommen wurde – mangelt es an einigen Stellen an der Formulierung und einleuchtenden Argumentation, da der Leser ja ohne Mimik, Gestik, Betonung und Redegeschwindigkeit des Redners den Inhalt interpretieren muss. An manchen Stellen muss der Leser außerdem wichtige Aussagen zwischen den Zeilen suchen. Rechtschreib- und Syntaxmängeln in einigen Artikeln raubt den Spaß am Lesen trotz interessantem Inhalt. Da die „Hauptarbeit“ an den Beiträgen mit Durchführung des Summits wohl getan war, hätte man noch etwas Zeit in die Überarbeitung investieren können…

Fazit

Wer sich ganz neu mit dem Thema Enterprise 2.0 beschäftigt, dem sei von meiner Seite eher ein Buch von Don Tapscott empfohlen (bspw. „Wikinomics“), um in unterhaltender Weise mehr über das „Gedankengut“ des E2.0 zu erfahren.

Wer sich dagegen intensiv mit der Frage „Enterprise 2.0 – Unternehmen zwischen Hierarchie und Selbstorganisation“ beschäftigen möchte, sollte sich angesichts der geschätzten 40 von 200 Seiten – die der vorliegende Band tatsächlich über dieses Thema parat hält – überlegen, ob es auf dem Büchermarkt ggf. nicht doch andere Literatur zu diesem Thema gibt… (Empfehlungen als Kommentar gerne willkommen!)

Advertisements